
VSME wird VS: Welche Umweltdaten aus ISO 14001 schon vorliegen
Seit dem 24. September 2026 gilt der Voluntary Standard. Welche Angaben sich aus ISO 14001 bedienen lassen, was dafür noch fehlt und wo das Umweltmanagement nicht reicht.
Philipp Kappe
Gründer von IMScollect
Inhalt
Der Fragebogen eines Kunden fragt nach Energieverbrauch, Treibhausgasen und Abfallmengen, die Bank will dasselbe für die Kreditprüfung. Wer ein Umweltmanagementsystem nach ISO 14001 betreibt, hat viele dieser Zahlen längst: Zählerstände, Entsorgungsnachweise, Messberichte, Umweltziele. Seit dem 24. September 2026 gibt es dafür einen verbindlichen europäischen Bezugsrahmen, den Voluntary Standard (VS). Dieser Beitrag zeigt Angabe für Angabe, welche Umweltdaten aus ISO 14001 sich für den VS weiterverwenden lassen, was dabei geprüft werden muss und wo das Umweltmanagement nicht ausreicht.
Aus VSME wird VS: was sich am 24. September 2026 geändert hat
Der VSME war ein freiwilliger Berichtsstandard der EFRAG, den die Europäische Kommission 2025 mit der Empfehlung (EU) 2025/1710 aufgegriffen hatte. Sein Nachfolger ist die Delegierte Verordnung (EU) 2026/1560 mit dem Voluntary Standard (VS): am 3. Juli 2026 von der Kommission angenommen, am 21. September 2026 im EU-Amtsblatt veröffentlicht, seit dem 24. September 2026 in Kraft.
Für die Praxis sind vier Punkte wichtig:
- Die Berichterstattung bleibt freiwillig. Neu ist der Rang: Der Standard steht jetzt in einer EU-Verordnung und nicht mehr in einer Empfehlung.
- Der Kreis der Anwender ist größer. Der VS richtet sich an Unternehmen außerhalb der Berichtspflicht nach der CSRD mit durchschnittlich bis zu 1.000 Beschäftigten.
- Die Empfehlung (EU) 2025/1710 entfaltet keine Rechtswirkung mehr. Bereits erstellte VSME-Berichte bleiben nutzbar, sollten aber angeben, nach welchem Text sie erstellt wurden.
- Der VS begrenzt Datenanfragen. Ab Geschäftsjahren, die am oder nach dem 1. Januar 2027 beginnen, dürfen berichtspflichtige Unternehmen für ihre CSRD-Berichterstattung von geschützten Unternehmen in ihrer Wertschöpfungskette grundsätzlich nur die Datenpunkte aus Anhang II verlangen.
Wer genau noch berichtspflichtig ist und was die vereinfachten ESRS ändern, ordnet unser Beitrag CSRD 2026: Was nach Omnibus, Voluntary Standard und neuen ESRS jetzt gilt ein. Hier geht es um die Frage danach: Welche Daten liegen schon vor?
Basismodul und umfassendes Modul
Der VS übernimmt den modularen Aufbau des VSME. Das Basismodul (B1 bis B11) ist die Mindeststufe, das umfassende Modul (C1 bis C9) setzt es voraus und ergänzt es.
| Bereich | Basismodul | Umfassendes Modul |
|---|---|---|
| Grundlagen | B1 Grundlagen der Erstellung, B2 Praktiken, Richtlinien und künftige Initiativen | C1 Geschäftsmodell und Strategie, C2 Beschreibung der Praktiken und Richtlinien |
| Umwelt | B3 Energie und Treibhausgasemissionen, B4 Verschmutzung von Luft, Wasser und Boden, B5 Biodiversität, B6 Wasser, B7 Ressourcennutzung, Kreislaufwirtschaft und Abfall | C3 Ziele zur Treibhausgasminderung und Klimawende, C4 Klimarisiken |
| Soziales | B8 bis B10 Belegschaft, Arbeitsschutz, Vergütung und Weiterbildung | C5 bis C7 weitere Angaben zur Belegschaft und zu Menschenrechten |
| Unternehmensführung | B11 Verurteilungen und Strafen wegen Korruption | C8 Umsätze aus bestimmten Tätigkeiten, C9 Geschlechterverteilung im Leitungsorgan |
Für ein Umweltmanagementsystem sind damit vor allem B3 bis B7 und im umfassenden Modul C3 und C4 interessant. Zu B2 und C2 kann es Umweltpolitik und Umweltziele beitragen.
Für Unternehmen mit höchstens zehn Beschäftigten sind mehrere Umweltangaben ausdrücklich freiwillig, darunter Energieverbrauch und Treibhausgasemissionen in B3, die Wasserangaben in B6 und die Abfallangaben in B7.
Welche Umweltdaten aus ISO 14001 schon vorliegen
Die folgende Zuordnung ist ein Arbeitsmapping, keine Konformitätsaussage. Sie zeigt, wo ein Umweltmanagementsystem typischerweise Daten führt und was vor der Weitergabe noch zu tun ist.
| VS-Angabe | Was der VS verlangt | Woher die Daten im Umweltmanagement kommen | Was meist noch fehlt |
|---|---|---|---|
| B3 Energie | Gesamtenergieverbrauch in MWh, aufgeteilt nach erneuerbar und nicht erneuerbar für Strom und Brennstoffe | Rechnungen, Zählerstände, Energieträger aus den Umweltaspekten, Fuhrparkdaten | Umrechnung in MWh, Aufteilung nach Herkunft, Vollständigkeit aller Standorte |
| B3 Treibhausgase | geschätzte Bruttoemissionen in t CO2e, Scope 1 und standortbasierter Scope 2 | Verbrauchsdaten als Aktivitätsdaten, falls vorhanden eine Emissionsbilanz | Emissionsfaktoren, Berechnungsmethode, Organisationsgrenze |
| B4 Verschmutzung | Emissionen in Luft, Wasser und Boden, die an Behörden gemeldet oder im Umweltmanagementsystem erfasst werden | Genehmigungen, Messberichte, Emissionserklärungen, Grenzwertkontrollen | Stoff, Medium, Einheit und Zeitraum vereinheitlichen |
| B5 Biodiversität | Standorte in oder nahe biodiversitätssensiblen Gebieten, mit Namen des Gebiets | Standortverzeichnis, Umweltaspekte, Genehmigungsunterlagen | Abgleich mit Schutzgebietskarten |
| B6 Wasser | Wasserentnahme gesamt, Verbrauch bei wasserintensiven Prozessen, Verbrauch in Gebieten mit Wasserstress | Wasserzähler, Abwasserbescheide, Umweltaspekt Wasser | Abgrenzung Entnahme und Verbrauch, Prüfung auf Wasserstress |
| B7 Abfall und Ressourcen | Abfallmenge nach gefährlich und nicht gefährlich, Anteil Recycling und Wiederverwendung, bei hohen Stoffströmen der jährliche Materialeinsatz | Abfallregister, Entsorgungsnachweise, Abfallbilanz, Materialwirtschaft | einheitliche Einheit (Tonnen), Verwertungsquote je Abfallart |
| C3 Klimaziele | Ziele zur Treibhausgasminderung in absoluten Werten, Übergangsplan | Umweltziele und Maßnahmenprogramm | Basisjahr, Zieljahr, quantifizierter Minderungspfad |
| C4 Klimarisiken | physische Risiken und Übergangsrisiken | Kontextanalyse nach Abschnitt 4.1, Risiken und Chancen, Notfallvorsorge | Zeithorizonte, Einschätzung der finanziellen Wirkung |
Auffällig ist B4: Der VS nennt das Umweltmanagementsystem dort ausdrücklich als mögliche Quelle der Angaben. Wer Emissionen bereits im System erfasst und bewertet, hat für diesen Datenpunkt die beste Ausgangslage.
ISO 14001:2026 nennt Klimawandel, Biodiversität, Umweltverschmutzung und Ressourcenverfügbarkeit jetzt ausdrücklich in der Kontextanalyse. Das stärkt C4 und die Umweltaspekte. Eine Treibhausgasbilanz nach Scope 1 und 2 schreibt die Norm aber nicht vor, und ein allgemeines Umweltziel ersetzt keine Minderungsziele in absoluten Werten. Was die neue Ausgabe sonst ändert, steht im Beitrag zu ISO 14001:2026.
Wo das Umweltmanagement nicht ausreicht
Die größten Lücken liegen außerhalb der Umwelt. Diese Angaben kommen aus Personalwesen, Arbeitsschutz, Compliance und Geschäftsführung:
- Belegschaft nach Vertragsart, Geschlecht und Land (B8),
- Arbeitsunfälle und Todesfälle (B9),
- Mindestlohn, Tarifbindung, Weiterbildungsstunden und Lohngefälle (B10),
- Verurteilungen und Strafen wegen Korruption (B11),
- im umfassenden Modul Menschenrechte, bestimmte Umsätze und die Zusammensetzung des Leitungsorgans.
Ein Zertifikat nach ISO 14001 belegt außerdem nicht, dass einzelne Kennzahlen richtig berechnet sind. Zertifizierung und Datenqualität sind zwei getrennte Prüfungen. Für die Weitergabe zählt, ob sich jede Zahl auf Quelle, Zeitraum, Methode und Freigabe zurückführen lässt.
Kundenanfragen in fünf Schritten beantworten
Damit aus jeder Anfrage keine neue Sammelaktion wird, hat sich ein fester Ablauf bewährt:
- Anfrage zerlegen: Datenpunkt, Berichtszeitraum, Einheit und Empfänger festhalten.
- Anlass einordnen: CSRD-Bericht des Kunden, Vertragsanforderung, Kreditprüfung oder freiwillige Angabe. Nur beim CSRD-Bericht greift ab 2027 die Obergrenze aus Anhang II.
- Quelle zuordnen: vorhandenen Messwert, Nachweis und fachlich Verantwortlichen benennen.
- Bearbeitung kennzeichnen: direkte Übernahme, Umrechnung, Schätzung oder Datenlücke.
- Antwort freigeben: Methode, Stand und Freigabe dokumentieren, damit die nächste Anfrage auf derselben Zahl aufsetzt.
Wer mehrere Normen betreibt, steuert Verantwortlichkeiten, Dokumente und Freigaben dafür am besten an einer Stelle. Wie ISO 9001, 14001 und 27001 ihre Struktur teilen, beschreibt das Whitepaper zum integrierten Managementsystem.
Was Unternehmen jetzt vorbereiten können
- wiederkehrende Fragebögen von Kunden und Banken sammeln und den VS-Angaben zuordnen,
- Energie-, Wasser- und Abfalldaten je Standort in einheitlichen Einheiten führen (MWh, Kubikmeter, Tonnen),
- für jede Kennzahl Quelle, Methode und Verantwortliche festhalten,
- Emissionsfaktoren für Scope 1 und 2 einmal festlegen und dokumentieren,
- Lücken außerhalb des Umweltmanagements den zuständigen Bereichen zuweisen,
- bestehende VSME-Unterlagen mit dem angewandten Text kennzeichnen.
Die EFRAG hat für das vierte Quartal 2026 ein aktualisiertes digitales Template und eine XBRL-Taxonomie für den VS angekündigt. Bis dahin lohnt es sich, die Daten sauber zu führen, statt Automatisierungen auf alte VSME-Feldkennungen aufzubauen.
So unterstützt IMScollect
Einen fertigen VS-Bericht erzeugt IMScollect nicht. Die Daten dahinter entstehen aber im Managementsystem und lassen sich dort pflegen:
- Umweltaspekte werden in zehn Dimensionen bewertet, darunter Energie, Emissionen, Wasser, Abfall und Biodiversität, jeweils mit Bezug zum Prozess.
- Kennzahlen führen eine Messwert-Historie mit Verantwortlichen und Fälligkeit; zur nächsten Messung entsteht automatisch eine Aufgabe.
- Das Rechtskataster führt die einschlägigen Rechtsquellen aus dem Umweltrecht, etwa zu Immissionsschutz, Abfall, Wasser und Energie, aus denen sich viele Meldepflichten ergeben.
- Dokumente wie Messberichte und Entsorgungsnachweise liegen mit Version und Freigabe im selben System.
So trifft die nächste Kundenanfrage auf gepflegte Zahlen mit Quelle und Verantwortlichen, statt auf eine Suche durch Ordner und Tabellen.
Häufige Fragen
Ist der Voluntary Standard (VS) verpflichtend?▾
Nein. Die Berichterstattung nach dem VS bleibt freiwillig. Neu ist, dass der Standard seit dem 24. September 2026 in einer EU-Verordnung steht, der Delegierten Verordnung (EU) 2026/1560, und nicht mehr nur in einer Empfehlung.
Was ist der Unterschied zwischen VSME und VS?▾
Der VS baut auf dem VSME auf und übernimmt Basismodul und umfassendes Modul. Er ist rechtlich verankert, richtet sich an Unternehmen außerhalb der CSRD-Pflicht mit bis zu 1.000 Beschäftigten und legt zugleich fest, welche Daten CSRD-pflichtige Kunden für ihren Bericht verlangen dürfen.
Welche Umweltdaten aus ISO 14001 kann man für den VS nutzen?▾
Vor allem Energieverbrauch, Emissionen in Luft, Wasser und Boden, Wasserentnahme, Abfallmengen und Standortangaben zur Biodiversität (B3 bis B7) sowie Umweltziele und die Kontextanalyse für Klimaziele und Klimarisiken (C3, C4). Einheiten, Berichtsgrenzen und Berechnungsmethoden müssen vor der Weitergabe geprüft werden.
Reicht ein ISO-14001-Zertifikat für einen VS-Bericht?▾
Nein. Das Zertifikat bestätigt das Managementsystem, nicht die Richtigkeit einzelner Kennzahlen. Außerdem verlangt der VS Angaben zu Belegschaft, Arbeitsschutz, Vergütung und Korruption, die nicht aus dem Umweltmanagement kommen.
Ab wann gilt die Obergrenze für Datenanfragen von Kunden?▾
Für Geschäftsjahre, die am oder nach dem 1. Januar 2027 beginnen. Sie gilt für Anfragen, die CSRD-pflichtige Unternehmen für ihre Nachhaltigkeitsberichterstattung stellen, und schützt Unternehmen mit durchschnittlich bis zu 1.000 Beschäftigten. Vertragliche Anforderungen, Bankprüfungen und andere Gesetze bleiben davon unberührt.
Quellen
- EUR-Lex: Delegierte Verordnung (EU) 2026/1560 (Voluntary Standard)
- EFRAG Knowledge Hub: 2026 Voluntary Standard, Anhänge
- EFRAG: Delegierter Rechtsakt zu revidierten ESRS und freiwilligem Standard
- EUR-Lex: Empfehlung (EU) 2025/1710 (VSME)
- EUR-Lex: Richtlinie (EU) 2026/470 (Omnibus I)
- EFRAG: VSME Digital Template und XBRL-Taxonomie
- DIN EN ISO 14001:2026-06
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